Sissi

Es war Oktober.
Ich saß auf der niedrigen Treppenstufe und schaute in den großen Galerie Raum.
Im Mai hatten wir hier meine erste große Einzelausstellung eröffnet.
Sie lief einen ganzen, scheinbar ewig währenden Sommer lang.
Auf Anregung von Sissi war ich im Januar im tiefsten Winter nach Frauenau gekommen,  um in der Eisch-Glashütte als Artist in Residence zu arbeiten.
Am Ofen, in der Schleiferei, in der Malerei - eine fast 3 Monate lange, künstlerische Spielwiese.

Nun war die begleitende Ausstellung und meine Residency vorbei und alles war dabei sich aufzulösen.
Der ganze Raum stand voller Schachteln. Die weißen Sockel waren zur Seite geräumt.
Packpapier lag überall zerknüllt auf dem Boden herum.

In meiner Aufräumpause ließ ich die Zeit in der Au Revue passieren, und grinste zufrieden in mich hinein.
Draussen war es dunkel geworden.
Sissi kam und setzte sich neben mich, und so saßen wir eine kleine Weile.
Jede mit ihren nachsinnenden Gedanken an die vergangenen Monate.
Wir hatten das echt geschafft. So eine coole Zeit.

„Hast Du Lust auf ein Bier?“, fragte sie unvermittelt.
Ich musste einen kleinen Moment überlegen und sagte dann:
„Au ja - aber wenn, dann in der Mississippi-Bar!“ und wir mussten beide laut loslachen.

Monatelange hatte ich mich gefragt, wie es wohl hinter der Fassade des windigen Baus auf der anderen Straßenseite aussehen mochte.
Ich bin überhaupt kein Kneipengänger, aber allein die Neugier darüber was in so einer Kaschemme alles abläuft, zieht mich immer wieder magisch an.
Normalerweise traue ich mich in so Läden nicht rein.
Alleine schon gar nicht.

Ich hatte oft mit Sissi darüber gesprochen, und wir hatten uns vorgenommen, dass wir irgendwann mal reingehen würden.

Jetzt war der Moment also gekommen!
Wir schnappten uns unsere Jacken und huschten über die Hauptstraße.

Im Vorraum brannte kaum Licht, und es war niemand zu sehen.
Sogar Bestuhlung fehlte hier. Mir fiel der alte Teppichboden in der gesamten Gaststube auf,
und ich stellte sicher, dass nur meine Schuhsohlen ihn berühren sollten.
Wir schauten uns um. Niemand da. Aber von irgendwo her kamen Stimmen und ein dünner Geruch von Zigarettenrauch.

Ein paar Ecken und einen Gang weiter landeten wir in einem belebtem Hinterzimmer, der offiziellen Bar.
Hier wurde laut Karten gekloppt, vertraute Fetzen von Waidler-Bayerisch durch den Raum gebellt.
Überall irgendwelche Vereins-Wimpel an der Wand und die Luft zum Durchschneiden verraucht.

Och ja.
Zwei freie Plätze an der Bar, ein verhältnismäßig vertrauenserweckender Wirt.
Super - das reichte schon, um sich wohl zu fühlen!

2 Schmelzer Hoibe waren schnell bestellt, und es gab sogar irgendetwas zu essen, an das ich mich nicht mehr erinnern kann.
Wir kicherten in uns hinein. Ein schön schräger Abschluss war das.


2 Männer betraten den Raum und gesellten sich zu uns an die Bar. Beide mit glänzenden, prallroten Gesichtern, so als hätte ihre Mutti sie gerade erst reichlich frisch bekocht.

Ich konnte meinen Augen kaum trauen: einer davon war der Keilhofer Sepp, den ich nur einmal kurz beim Langlaufen in der Häng kennengelernt und zur Ausstellung eingeladen hatte.
Sein Ruf, als lebende Glasmacherlegende eilte ihm voraus.
Ich hatte ihn bis auf das eine Mal nie zuvor getroffen, und nachdem er sich überraschend, aus eigenen Stücken von seiner Arbeit beim Poschinger in den Vorruhestand versetzen ließ, stand sein Name stellvertretend für mich für ein weiteres Phantom eines der letzten großen Meisterbläser von Frauenau.

Und da saß er nun, in echt! Und strahlte über sein lustiges, speckiges Gesicht, welches, wie sich herausstellte, eines ausgedehnten Sauna-Besuches zuzuschreiben war.
Klar: Wellness und Mississippi-Bar, das rundum Wohlfühl-Paket eben.

Sissi wusste von meiner Bewunderung für den Keilhofer Sepp, und blitzschnell wie sie war, machte sie einen unerwarteten Vorschlag:
„Nächste Woche gibt es ein Get-together in der Bildwerk-Hütte. Das Thema ist, dass verdiente, pensionierte Glasmacher zusammen mit dem jungen Nachwuchs am Ofen Glas blasen und ihr Wissen weitergeben. Als lebendiger, generationenübergreifender Workshop.
Da musst du mit der Rike glasmachen, Sepp!“

Huch, war das direkt.
Mein Herz schlug schneller.
Vielleicht ist der Eine oder Andere von Euch Fan von irgendwem.
Und jetzt quasi mit Michael Jackson zusammen auf die Bühne zu dürfen …?
Meine Hände wurden kalt und fingen an zu zittern, aber ich nahm erstmal ganz lässig einen Schluck Bier und schaute mit großen Augen in die Runde.

„Wos is des? Na schau her…hmm…waruman ned…jooo…des kannt scho ebbse sah,“ entgegnete der Sepp leicht überrumpelt.

Also ja? Juhuuu!!!!
Sissi hatte ihn im Nu geknackt.

Wir verabredeten uns für die kommende Woche in der Gaswerk-Hütte.
Und, um die Sache kurz zu machen: es war grandios.
Der Sepp fertigte virtuos eine wunderbare, große Glas-Schüssel, die ich mit Ranken und aufgeschnittenen Blättern üppig verzierte und die später zum Verkauf bei Sissi in der Galerie ausgestellt wurde.


Seitdem sind wir befreundet, mein Idol, der Sepp und ich, und unsere gemeinsame Ofensession bleibt mir immer als krönender Abschluss und herrliche Erinnerung an meine intensive Zeit in Frauenau im Gedächtnis.
Die Zeit, die mich als Künstler immens wachsen und an meine eigenen kreativen Kräfte glauben ließ, mich in der Szene etablierte und in der ich zu jeder Zeit eine unendliche, uneingeschränkte Unterstützung erfahren konnte.

Am Anfang der Kette stand immer Sissi, die es mit unermüdlichem Engagement für die Sache perfekt verstand, Gelegenheiten augenblicklich zu erkennen, charmant und kompetent Türen zu öffnen und die richtigen Menschen zusammenzubringen.

Dafür bin ich Dir sehr dankbar, und ich werde Dich sehr vermissen.
Liebe Sissi.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Pavlína (Freitag, 03 April 2020 13:48)

    ❤️❤️❤️

  • #2

    Martin (Samstag, 04 April 2020 15:41)

    wonderful memmory thanks for sharing it. Sisi was such a gracefull and honorable lady. She will be missed a lot by many �